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Christa Lieb – Autorin

15. November 2016
von Christa Lieb
Keine Kommentare

Lesefrüchtchen

Winkelzüge – Kriminalgeschichte

»Lesefrüchtchen« August

BodenseeÜber dem gegenüberliegenden Schweizer Ufer des Bodensees braute sich ein Unwetter zusammen. Dunkle, bedrohlich wirkende Wolken schoben sich heran. Stürmischer Wind peitschte das Wasser auf.

Im Hotel Helvetia sah Rita Ziegler immer wieder auf die Uhr. Gernot war mit dem Boot draußen. Voller Sorge lief sie hinüber zum großen Fenster mit Blick auf den Hafen. Der Anlegeplatz der Möwe II war noch immer leer. Heftiger Regen prasselte inzwischen nieder und über dem See zuckten bizarre Blitze über den Himmel, denen krachende Donner folgten.

In der Polizeiwache der kleinen Stadt hatte Polizeiobermeister Hirschmeyer alle Hände voll zu tun. Unzählige besorgte Anrufer gönnten ihm keine Pause. Mittlerweile war es kurz vor elf und der Sturm tobte noch immer durch die Nacht. Als das Telefon endlich für einen Moment schwieg, nutzte er die kurze Verschnaufpause, füllte seine Tasse mit dem abgestandenen Rest Kaffee und legte die Beine hoch. Doch kaum hatte er einmal an dem Gebräu genippt, flog die Tür auf und eine Frau stürmte herein.
»Mein Mann ist noch draußen auf dem See. Sie müssen ihn suchen!«
Hirschmeyer nahm erschrocken die Füße vom Schreibtisch, straffte die Schultern und sagte mit Nachdruck: »Der Reihe nach … Sie heißen …?«
»Rita Ziegler … Bitte, Sie müssen ihn suchen.«
»Gute Frau … Bei dem Wetter kann selbst die Seenotrettung nichts tun. Vermutlich ist er in einem Nachbarhafen an Land gegangen. Haben Sie schon versucht, ihn zu erreichen?«
Rita Ziegler nickte. »Er geht nicht ans Handy.«
»Dann nehme ich mal die Daten auf. Name … Welches Boot …?«
»Mein Mann heißt Gernot. Gernot Ziegler. Wir wohnen seit einer Woche im Hotel Helvetia … Am alten Leuchtturm. Die Möwe II ist unser Boot.«
Alfred Hirschmeyer schrieb und nickte. »Gut. Wie schon gesagt. Momentan können wir nichts tun. Sobald der Sturm nachlässt, machen wir uns auf die Suche. Und Sie gehen zurück ins Hotel. Übrigens ziemlich leichtsinnig bei diesem Wetter durch die Gegend zu laufen. Passen Sie auf sich auf … Ich würde Sie ja mit dem Streifenwagen bringen, aber Sie sehen und hören selbst, was hier los ist.« Sichtlich genervt griff er zum Telefonhörer und nahm den nächsten besorgten Anruf entgegen.

In den frühen Morgenstunden fanden sie in der Nähe des Schweizer Ufers die gekenterte Möwe II. Von Gernot Ziegler fehlte jede Spur. Hirschmeyer machte sich auf den Weg ins Hotel Helvetia um Rita Ziegler zu informieren.

***

»Lesefrüchtchen« September

WinkelzügeBei der Vereinigten Union bekam der zuständige Sachbearbeiter den Schadensfall auf den Tisch und unterzog ihn einer gründlichen Prüfung. Gernot und Rita Ziegler waren für ihn keine Ungekannten. Vor Jahren hatte das Ehepaar eine Lebensversicherung über eine beachtliche Summe abgeschlossen und vor gut einem halben Jahr noch einmal aufgestockt. Klaus-Peter Pfeiffer kam ins Grübeln. Der Sache wollte er auf den Grund gehen. Fünf Millionen waren schließlich kein Pappenstiel. Er griff zum Telefon. »Pfeiffer hier. Guten Tag, Herr Hornung. Ich habe mal wieder einen Auftrag für Sie.«

Walter Hornung machte sich auf die Suche nach Spuren. Er durchwühlte das Leben der Zieglers und wurde bald fündig. Zahlungsschwierigkeiten. Drohende Insolvenz. Windige Geldgeschäfte. Als ihm die Bank die Summe nannte, mit der das Ehepaar bei ihnen in der Kreide stand, pfiff er leise durch die Zähne. Hatte sich Ziegler etwa das Leben genommen, um seiner Frau eine sorgenfreie Zukunft zu ermöglichen? Selbstmord. In diesem Fall wäre die Versicherung aus dem Schneider. Als er Pfeiffer seine Erkenntnisse mitteilte, nickte der zufrieden und diktierte seiner Sekretärin einen negativen Bescheid in die Tastatur.

Hauptkommissar Dieter Berg hatte inzwischen den Fall auf dem Tisch. Nachdem zuerst die Vereinigte Union und dann Walter Hornung mit Nachdruck nach den Ermittlungsergebnissen im Fall Ziegler gefragt hatten, wollte auch er Gewissheit haben. Vielleicht steckte doch mehr hinter der Sache. Er sorgte dafür, dass der kriminaltechnische Dienst die Möwe II noch einmal gründlich unter die Lupe nahm. Als der Bericht vorlag, schloss er guten Gewissens Mord aus. Keinerlei Spuren deuteten auf ein Gewaltverbrechen hin. Ein erneutes Gespräch mit den Schweizer Kollegen ergab, dass auch dort seit dem Unwetter keine Leiche an Land gespült worden war. Gernot Ziegler blieb verschwunden. Berg kam zu der Überzeugung, dass der einem tragischen Unfall zum Opfer gefallen sein musste. Er schloss die Akte und schickte seinen Abschlussbericht an die Versicherung.

Acht Monate nach dem Unglück schickte Pfeiffer zähneknirschend einen Scheck an Rita Ziegler. Gleichzeitig beauftragte er Hornung, die Frau noch eine Weile im Auge zu behalten.

***

»Lesefrüchtchen« Oktober

img_HimmelsspurenAls Rita Ziegler den Scheck über die gewaltige Summe von fünf Millionen Euro in ihren Händen hielt, konnte sie ihr Glück kaum fassen. Endlich schienen ihre Sorgen und Ängste der Vergangenheit anzugehören. Sie zwang sich zu Ruhe und Gelassenheit. Am Ende der Woche verließ sie mit kleinem Handgepäck ihre Wohnung und machte sich per Bus auf den Weg zum Hauptbahnhof. Dort ging sie zu einer Telefonzelle und führte ein kurzes Gespräch, ehe sie am Schalter eine Fahrkarte nach Bregenz kaufte.

Fährt sie etwa zurück an den Bodensee, weil es neue Spuren von ihrem Mann gibt?, überlegte Walter Hornung. War ihm etwa etwas Entscheidendes entgangen? Schnell löste er ebenfalls eine Fahrkarte, folgte ihr in sicherem Abstand und bestieg kurz nach ihr den Waggon. Von seinem Platz aus beobachtete er sie unauffällig. Obwohl sie gelassen wirkte, sah er mit geschultem Blick ihre flattrigen Hände und die ängstlichen Blicke, mit denen sie sich immer wieder umschaute.

Am frühen Nachmittag erreichten sie Bregenz. Rita Ziegler verließ den Bahnhof und steuerte einen Autoverleih an. Hornung winkte nach einem Taxi und bat den Fahrer auf sein Zeichen zu warten. Wenig später brauste Rita Ziegler in einem feuerroten BMW Z 4 an ihm vorbei.

Die Fahrt ging ins nahe Liechtenstein. Rita Ziegler war guter Dinge. Come away with me …, trällerte sie gemeinsam mit Nora Jones. In Vaduz betrat sie eine Bank im Zentrum, ließ sich zum Filialleiter bringen und legte ihm den Scheck auf den Tisch. Sie wurden sich schnell einig. Rita Ziegler eröffnete ein Konto, zahlte 4,5 Millionen Euro ein und ließ sich die restliche Summe bar auszahlen. Zufrieden verließ sie das Gebäude wieder, setzte sich in ihren roten Flitzer und fuhr dem verdutzten Hornung Richtung Schweiz davon.

Auf halber Strecke holte er sie endlich ein. Es hatte einige Überredungskünste und Euroscheine gebraucht, ehe der Taxifahrer bereit war, sich auf den Weg zu machen. Als Hornung kapierte, dass sie den Flughafen Zürich-Kloten ansteuerte, wusste er, die Reise war noch nicht zu Ende. Er tastete nach seinem Reisepass in der Jackentasche und nickte zufrieden. Dann griff er nach seinem Handy und informierte Karl-Heinz Pfeiffer darüber, dass die Dienstreise allem Anschein nach nach Übersee ging.

»Dran bleiben«, war dessen knapper Kommentar.

***

»Lesefrüchtchen« November

img_4789_fotorIn Nassau/Bahamas bekam Hornung endlich wieder festen Boden unter die Füße.

Rita Ziegler hatte es eilig. Nur mit Mühe konnte er ihr folgen. Plötzlich blieb sie wie angewurzelt stehen und starrte auf den kahlköpfigen, braungebrannten Mann, der winkend auf sie zukam. Schließlich lachte sie erleichtert und ließ sich umarmen.

Hornung war verblüfft. Wer war der Mann? Er folgte dem Paar in die Stadt; sah sie in einem Apartmenthaus am Jachthafen verschwinden. Für ihn war der Zeitpunkt gekommen, die Polizei in Deutschland zu informieren. Er war beunruhigt. Er wollte den Fall zu einem guten Ende bringen und hoffte, dass ihm die stattliche Provision nicht im letzten Moment noch durch die Lappen ging.

Während er in den nächsten Tagen angespannt auf das Eintreffen des Kommissars aus Deutschland wartete, folgte er Rita Ziegler und ihrem Begleiter auf Schritt und Tritt. Er war erleichtert als er Dieter Berg und dessen Kollegen Wiegand endlich in Empfang nehmen konnte. Sie machten sich umgehend auf den Weg zum Jachthafen. Vor der Tür des Apartments nickten sie sich aufmunternd zu; dann drückte Berg entschlossen auf den Klingelknopf. Es vergingen endlose Sekunden, ehe sich Schritte näherten. Die Tür wurde geöffnet und sie sahen überrascht auf eine ihnen fremde Frau.
Berg fragte nach Gernot Ziegler. Noch ehe die Frau antworten konnte, drängten die Männer an ihr vorbei in die Wohnung und standen dem inzwischen kahlköpfigen Ziegler gegenüber.
Hornung fiel es wie Schuppen von den Augen.
»Gernot Ziegler, Sie sind verhaftet. … Und wer sind Sie?«, wandte Berg sich an die Frau.
»Yvonne Breitenfels«, antwortete die kleinlaut und schmiegte sich eng an Ziegler.
Hornung war zufrieden. Ziegler lebte. Sie hatten es weder mit Unfalltod noch Selbstmord, sondern mit einem offenbar gut durchdachten Versicherungsbetrug zu tun. Pfeiffer würde sich freuen. Eine Tatsache machte ihn jedoch fassungslos: Von Rita Ziegler fehlte jede Spur. Noch gestern war er zweifelsfrei ihr stundenlang durch die Geschäfte gefolgt.
»Wo ist Ihre Frau?«, fragte Berg eindringlich, erhielt aber keine Antwort.

Dieter Berg bat die ortsansässige Polizei um Amtshilfe. Zwei Tage später fanden sie Rita Ziegler auf einem Schrottplatz am Ende des Hafens. Ein bunter Schal war um ihren Hals geschlungen und ihre toten Augen starrten in den kitschig blauen Himmel.

 

Christa Lieb ©

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt und darf ohne Genehmigung der Autorin nicht verwendet werden.

15. Oktober 2016
von Christa Lieb
Keine Kommentare

»Lesefrüchtchen«

»Winkelzüge« – Teil 3
Teile 1 + 2 siehe »Lesefrüchtchen« Aug./Sept.

img_HimmelsspurenAls Rita Ziegler den Scheck über die gewaltige Summe von fünf Millionen Euro in ihren Händen hielt, konnte sie ihr Glück kaum fassen. Endlich schienen ihre Sorgen und Ängste der Vergangenheit anzugehören. Sie zwang sich zu Ruhe und Gelassenheit.

Am Ende der Woche verließ sie mit kleinem Handgepäck ihre Wohnung und machte sich per Bus auf den Weg zum Hauptbahnhof. Dort ging sie zu einer Telefonzelle und führte ein kurzes Gespräch, ehe sie am Schalter eine Fahrkarte nach Bregenz kaufte.

Fährt sie etwa zurück an den Bodensee, weil es neue Spuren von ihrem Mann gibt?, überlegte Walter Hornung. War ihm etwa etwas Entscheidendes entgangen? Schnell löste er ebenfalls eine Fahrkarte, folgte ihr in sicherem Abstand und bestieg kurz nach ihr den Waggon. Von seinem Platz aus beobachtete er sie unauffällig. Obwohl sie gelassen wirkte, sah er mit geschultem Blick ihre flattrigen Hände und die ängstlichen Blicke, mit denen sie sich immer wieder umschaute.

Am frühen Nachmittag erreichten sie Bregenz. Rita Ziegler verließ den Bahnhof und steuerte einen Autoverleih an. Hornung winkte nach einem Taxi und bat den Fahrer auf sein Zeichen zu warten. Wenig später brauste Rita Ziegler in einem feuerroten BMW Z 4 an ihm vorbei.

Die Fahrt ging ins nahe Liechtenstein. Rita Ziegler war guter Dinge. Come away with me …, trällerte sie gemeinsam mit Nora Jones. In Vaduz betrat sie eine Bank im Zentrum, ließ sich zum Filialleiter bringen und legte ihm den Scheck auf den Tisch. Sie wurden sich schnell einig. Rita Ziegler eröffnete ein Konto, zahlte 4,5 Millionen Euro ein und ließ sich die restliche Summe bar auszahlen. Zufrieden verließ sie das Gebäude wieder, setzte sich in ihren roten Flitzer und fuhr dem verdutzten Hornung Richtung Schweiz davon.

Auf halber Strecke holte er sie endlich ein. Es hatte einige Überredungskünste und Euroscheine gebraucht, ehe der Taxifahrer bereit war, sich auf den Weg zu machen. Als Hornung kapierte, dass sie den Flughafen Zürich-Kloten ansteuerte, wusste er, die Reise war noch nicht zu Ende. Er tastete nach seinem Reisepass in der Jackentasche und nickte zufrieden. Dann griff er nach seinem Handy und informierte Karl-Heinz Pfeiffer darüber, dass die Dienstreise allem Anschein nach nach Übersee ging.

»Dran bleiben«, war dessen knapper Kommentar.

Fortsetzung folgt …

Christa Lieb ©

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt und darf ohne Genehmigung der Autorin nicht verwendet werden.

19. September 2016
von Christa Lieb
Keine Kommentare

Lesefrüchtchen

»Winkelzüge« – Teil 2 
Teil 1 siehe »Lesefrüchtchen« August

WinkelzügeBei der Vereinigten Union bekam der zuständige Sachbearbeiter den Schadensfall auf den Tisch und unterzog ihn einer gründlichen Prüfung. Gernot und Rita Ziegler waren für ihn keine Unbekannten. Vor Jahren hatte das Ehepaar eine Lebensversicherung über eine beachtliche Summe abgeschlossen und vor gut einem halben Jahr noch einmal aufgestockt. Klaus-Peter Pfeiffer kam ins Grübeln. Der Sache wollte er auf den Grund gehen. Fünf Millionen waren schließlich kein Pappenstiel. Er griff zum Telefon. »Pfeiffer hier. Guten Tag, Herr Hornung. Ich habe mal wieder einen Auftrag für Sie.«

Walter Hornung machte sich auf die Suche nach Spuren. Er durchwühlte das Leben der Zieglers und wurde bald fündig. Zahlungsschwierigkeiten. Drohende Insolvenz. Windige Geldgeschäfte. Als ihm die Bank die Summe nannte, mit der das Ehepaar bei ihnen in der Kreide stand, pfiff er leise durch die Zähne. Hatte sich Ziegler etwa das Leben genommen, um seiner Frau eine sorgenfreie Zukunft zu ermöglichen? Selbstmord. In diesem Fall wäre die Versicherung aus dem Schneider. Als er Pfeiffer seine Erkenntnisse mitteilte, nickte der zufrieden und diktierte seiner Sekretärin einen negativen Bescheid in die Tastatur.

Hauptkommissar Dieter Berg hatte inzwischen den Fall auf dem Tisch. Nachdem zuerst die Vereinigte Union und dann Walter Hornung mit Nachdruck nach den Ermittlungsergebnissen im Fall Ziegler gefragt hatten, wollte auch er endgültig Gewissheit haben. Vielleicht steckte doch mehr hinter der Sache. Er sorgte dafür, dass der kriminaltechnische Dienst die Möwe II noch einmal gründlich unter die Lupe nahm. Als der Bericht vorlag, schloss er guten Gewissens Mord aus. Keinerlei Spuren deuteten auf ein Gewaltverbrechen hin. Ein erneutes Gespräch mit den Schweizer Kollegen ergab, dass auch dort seit dem Unwetter noch immer keine Leiche an Land gespült worden war. Gernot Ziegler blieb verschwunden. Berg kam zu der Überzeugung, dass der einem tragischen Unfall zum Opfer gefallen sein musste. Er schloss die Akte und schickte seinen Abschlussbericht an die Versicherung.

Acht Monate nach dem Unglück schickte Pfeiffer zähneknirschend einen Scheck an Rita Ziegler. Gleichzeitig beauftragte er Hornung, die Frau noch eine Weile im Auge zu behalten.

Fortsetzung folgt …

Christa Lieb ©

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt und darf ohne Genehmigung der Autorin nicht verwendet werden.

15. August 2016
von Christa Lieb
Keine Kommentare

Lesefrüchtchen

Winkelzüge
Kriminalgeschichte

BodenseeÜber dem gegenüber-liegenden Schweizer Ufer des Bodensees braute sich ein Unwetter zusammen. Dunkle, be-drohlich wirkende Wolken schoben sich heran. Stürmischer Wind peitschte das Wasser auf.

Im Hotel Helvetia sah Rita Ziegler immer wieder auf die Uhr. Gernot war mit dem Boot draußen. Voller Sorge lief sie hinüber zum großen Fenster mit Blick auf den Hafen. Der Anlegeplatz der Möwe II war noch immer leer. Heftiger Regen prasselte inzwischen nieder und über dem See zuckten bizarre Blitze über den Himmel, denen krachende Donner folgten.

In der Polizeiwache der kleinen Stadt hatte Polizeiobermeister Hirschmeyer alle Hände voll zu tun. Unzählige besorgte Anrufer gönnten ihm keine Pause. Mittlerweile war es kurz vor elf und der Sturm tobte noch immer durch die Nacht. Als das Telefon endlich für einen Moment schwieg, nutzte er die kurze Verschnaufpause, füllte seine Tasse mit dem abgestandenen Rest Kaffee und legte die Beine hoch. Doch kaum hatte er einmal an dem Gebräu genippt, flog die Tür auf und eine Frau stürmte herein.
»Mein Mann ist noch draußen auf dem See. Sie müssen ihn suchen!«
Hirschmeyer nahm erschrocken die Füße vom Schreibtisch, straffte die Schultern und sagte mit Nachdruck: »Der Reihe nach … Sie heißen …?«
»Rita Ziegler … Bitte, Sie müssen ihn suchen.«
»Gute Frau … Bei dem Wetter kann selbst die Seenotrettung nichts tun. Vermutlich ist er in einem Nachbarhafen an Land gegangen. Haben Sie schon versucht, ihn zu erreichen?«
Rita Ziegler nickte. »Er geht nicht ans Handy.«
»Dann nehme ich mal die Daten auf. Name … Welches Boot …?«
»Mein Mann heißt Gernot. Gernot Ziegler. Wir wohnen seit einer Woche im Hotel Helvetia … Am alten Leuchtturm. Die Möwe II ist unser Boot.«
Alfred Hirschmeyer schrieb und nickte. »Gut. Wie schon gesagt. Momentan können wir nichts tun. Sobald der Sturm nachlässt, machen wir uns auf die Suche. Und Sie gehen zurück ins Hotel. Übrigens ziemlich leichtsinnig bei diesem Wetter durch die Gegend zu laufen. Passen Sie auf sich auf … Ich würde Sie ja mit dem Streifenwagen bringen, aber Sie sehen und hören selbst, was hier los ist.« Sichtlich genervt griff er zum Telefonhörer und nahm den nächsten besorgten Anruf entgegen.

In den frühen Morgenstunden fanden sie in der Nähe des Schweizer Ufers die gekenterte Möwe II. Von Gernot Ziegler fehlte jede Spur. Hirschmeyer machte sich auf den Weg ins Hotel Helvetia um Rita Ziegler zu informieren.


Fortsetzung folgt …

Christa Lieb ©

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt und darf ohne Genehmigung der Autorin nicht verwendet werden.