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Christa Lieb – Autorin

15. September 2017
nach Christa Lieb
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»Lesefrüchtchen« September

Leseprobe »Ein Sommer in Blue Bay«

(…) Er hatte seinen Bart gestutzt, sich gründlich die Zähne geputzt und versucht, seine widerspenstigen Haare zu bändigen. Die Fingernägel waren sauber; genauso wie seine Kleidung. Es gab keinen Grund, den Gang hinüber zu Selma Hudson noch länger hinauszuzögern.

Obwohl er sich danach sehnte, sie endlich wiederzusehen, hatte er unbändige Angst vor diesem Treffen. Was erwartete ihn?

Norman wies seinen leise winselnden Hund mit Nachdruck an, auf seinem Platz zu bleiben, zog sich die Jacke über und verließ mit einem mulmigen Gefühl das Haus.

***

Als Selma Hudson ihm die Tür öffnete, kam sie ihm vor wie immer. Um genauer zu sein, so, wie vor den ganzen Verwicklungen und falschen Verdächtigungen. Kurzum, souverän, wie es sich für eine der angesehensten Frauen der Stadt gehörte.

Das hatte er nicht erwartet. Und nun verspürte er nicht etwa Erleichterung, sondern … Wut. Ja, Wut war das richtige Wort. Wie konnte sie hier vor ihm stehen, perfekt und geschmackvoll gestylt, während seine Seele seit Tagen auf einem Nagelbett der Verzweiflung nächtigte?

»Schön, dass Sie da sind.« Sie lächelte ihn freundlich an und hielt ihm ihre feingliedrige Hand entgegen.

Er griff behutsam zu und in diesem Moment bekam seine Wut Risse. Oh nein, Selma Hudson war bei weitem nicht so souverän, wie sie ihm vorgaukelte. Sie konnte ihre Aufgeregtheit einfach nur besser verbergen … Bis zu dem Punkt, an dem sie ihm ihre eiskalte, flattrige Hand reichte. Da verstand er. Auch ihr war mulmig zumute. Auch sie wusste nicht, was der Abend bringen würde. Und endlich konnte er ihr ein Lächeln schenken. Zumindest in diesem Punkt waren sie sich also einig und auf Augenhöhe.

***

Selma servierte ein vorzügliches Essen. Die Steaks waren auf den Punkt gegart, das Brot noch lauwarm und knusprig, der Salat mit einem außergewöhnlich würzigen Kräuterdressing angemacht. Gläser, gefüllt mit schwerem, trockenem Rotwein, funkelten im Kerzenschein. Das Tischtuch und die passenden Servietten waren blütenweiß; ein bunter Rosenstrauß verströmte einen betörenden Duft.

Sie hatte sich erkennbar viel Mühe gegeben, eine angenehme Atmosphäre zu schaffen.

Nachdem sich die erste Befangenheit gelegt hatte, unterhielten sie sich über ihre Arbeit in der Bücherei und seine im Nationalpark und über die hohen Temperaturen, die für den gerade beginnenden Sommer nichts Gutes ahnen ließen. Auch Linda Sinclair war ein Thema. Selma erzählte ihm, dass Linda ihr seit einer Weile in der Bücherei zur Hand ging und wie gut sie sich mit der neuen Freundin verstand.

Obwohl Selma freundlich zu ihm war, lagen während der ungezwungenen Plauderei auch verschiedenste Emotionen in der Luft; unausgesprochene Worte, die ihnen beiden auf der Seele zu brennen schienen.

Norman hätte sich weiß Gott einen angenehmeren Grund vorstellen können, mit Selma Hudson einen Abend zu verbringen. Noch hoffte er, sie würde das verflixte Thema nicht mehr ansprechen; es auf sich beruhen lassen. Er hatte sich geirrt. (…)

 

Als Taschenbuch und eBook in allen gängigen Onlineshops erhältlich

Christa Lieb ©

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt und darf ohne Genehmigung der Autorin nicht verwendet werden.

 

15. August 2017
nach Christa Lieb
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»Lesefrüchtchen« – August

»Ein Sommer in Blue Bay« – Leseprobe

(…) Eigenartige Person. Ich denke, ich werde sie im Auge behalten. Die innere Stimme, die ihm erklärte, weder die Frau noch ihr Verhalten ginge ihn etwas an, wischte Gordon Cooper mit einer energischen Geste beiseite. Er war zu lange Polizist gewesen, um nicht zu erkennen, dass die Frau, die jetzt in dem Strandhaus in seiner Nachbarschaft wohnte, etwas zu verbergen hatte. Seine Neugier war geweckt.

Zufrieden lenkte er sein Auto über den knirschenden Kies vor seinem Haus und stieg aus. Endlich würde etwas Bewegung in seinen Alltag kommen. Zwar gäbe es Anderes zu tun, gestand er sich ein und ließ seinen Blick über das kniehoch wuchernde Unkraut und die Hausfassade mit der an vielen Stellen abblätternden Farbe schweifen. Aber diese Tätigkeiten brachten nicht den gleichen Kick, den er beim Gedanken an Linda Sinclairs mögliches Geheimnis verspürte. Für die lästigen Pflichten ließ sich doch sicher ein netter Mann in Blue Bay finden, der sich die Finger nach ein paar zusätzlichen Dollar schlecken würde. Seine Zeit, davon war er überzeugt, war zu kostbar, um sie mit solchen Lappalien zu verschwenden.

Er öffnete die Haustür, ging schnurstracks zum Kühlschrank, der in seiner Wuchtigkeit die Küchenzeile dominierte, griff nach einer Bierdose und öffnete sie mit geübtem Handgriff. Schaum quoll durch die kleine Öffnung, floss über seine Hand und hinterließ dort eine klebrige Spur. Nach einem deftigen Fluch, presste er die Dose an seine Lippen und ließ die kühle Flüssigkeit in einem Zug durch die Kehle rinnen.

Früher wäre er nicht auf die Idee gekommen, sich um diese Tageszeit ein Bier zu gönnen. Doch seit seine Frau die Koffer gepackt und ihn sich selbst überlassen hatte, lebte er ausschließlich nach seinem Gusto. Nach Wochen quälender Selbstzweifel hatte er sich dazu durchgerungen, seine Verletztheit gegen eine gehörige Portion Gelassenheit zu tauschen. So lebte es sich einfacher, war inzwischen seine Überzeugung.

Ein gezielter Wurf beförderte das Corpus Delicti in den Abfalleimer neben der Tür. Mit einem weiteren Bier in der Hand ging er hinüber ins Wohnzimmer, öffnete dort die breite Glastür und trat ins Freie.

Der Pazifik war in Bewegung. Weit draußen musste ein Sturm toben. Hoffentlich brachte der keine unangenehmen Überraschungen mit sich. Bei jedem Frühjahrs- und Herbststurm nahm sich der Ozean ein Stück Land. Manche der Häuser standen schon bedenklich nah am nassen Element. Ihn und sein Haus trennten zum Glück noch beruhigende Meter vom Ufer.

Gut, dass bei mir alles so gut bewachsen ist, dachte Gordon Cooper mit Galgenhumor und prostete dem Strandhafer und den zahlreichen wilden Hecken zu, die sich dank seiner Nachlässigkeit inzwischen prächtig entwickelt hatten. (…)

 

Als Taschenbuch und eBook in allen gängigen Onlineshops erhältlich

Christa Lieb ©

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15. Juli 2017
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»Lesefrüchtchen« Juli

Ein anderes Leben – Teil 3 (Fortsetzung »Lesefrüchtchen« Mai/Juni)

 

Vorsichtig öffnet er die Augen und erschreckt vor seinem Spiegelbild. Ist er dieser bunte Vogel, der ihm da entgegen blickt? Die braunen Augen, der kleine Pickel auf dem rechten Nasenflügel und auch die abstehenden Ohren deuten darauf hin. Bestätigung suchend hebt er die Hand und betastet den fremdartigen Haarschopf. Er versucht das nur mühsam unterdrückte Kichern der kleinen Frisörin nicht zu beachten und schlurft mit eingezogenem Genick zur Kasse um seinen Farbenrausch teuer zu bezahlen. Dann tritt er zögernd hinaus auf die Straße, blinzelt kurz in die ungewohnte Helligkeit und geht – wie von selbst – den bekannten Weg zum Biergarten.

Sein Platz vor der grauen Betonmauer, mit Blick auf den Fluss, ist frei. Agnes – die sonst immer nette Bedienung – läuft heute mit einem mürrischen Gesicht umher und übersieht ihn geflissentlich. Ab und zu hebt er zaghaft die Hand, versucht sich bemerkbar zu machen. Vergebens. Erbarmungslos streichelt ihn die Sonne, lässt seine kupferroten Haare leuchten. Während er sich den Schweiß von der Stirn wischt, fallen ihm Konrads Worte ein: »Tu etwas!« Genau – und zwar sofort.

Ein Ruf wie Donnerhall ertönt. Erschrocken legt er danach seine Hand auf den Mund und blickt sich verstohlen um. Die anderen Gäste sehen erstaunt herüber. Ein verschrecktes, welkes Blatt segelt herab und küsst seine braunen Bartstoppeln. Der um die Tische streunende Hund klemmt den Schwanz ein und verzieht sich flugs. Agnes, die eine erstaunliche Ähnlichkeit mit seiner Traumfrau hat, eilt herbei und ein wohlbekanntes Lächeln liegt auf ihrem Gesicht. Endlich hat sie ihn beachtet.

Er sitzt noch lange zufrieden vor seinem kühlen Pils und denkt: Na also, geht doch! Und morgen kümmere ich mich um Mutter.

Christa Lieb ©

15. Juni 2017
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»Lesefrüchtchen« Juni

Ein anderes Leben – Teil 2 (Fortsetzung »Lesefrüchtchen« Mai)

(…)

Auf dem Nachhauseweg wälzt er die gehörten Worte immer wieder in seinem Kopf. Und als er den Schlüssel ins Schloss steckt, die Haustür öffnet und seiner Mutter in ihrem verschlissenen Morgenmantel gegenübersteht, kommt ihm zum ersten Mal der Gedanke, dass er wohl etwas ändern muss an seinem Leben.

In der Nacht findet er keine Ruhe. Wirre, aber aufregende Träume suchen ihn heim: Er sitzt mit seiner Posaune und ihm unbekannten Männern auf der Bühne eines Nachtclubs und entlockt ihr ungewohnte Töne. Eine Menschentraube steht dicht gedrängt am Bühnenrand und klatscht frenetisch Beifall; verlangt stürmisch nach Zugaben. Jazz! Er spielte Jazz. Seine Füße wippen aufgeregt im Takt und seine kupferroten Haare kleben an der schweißnassen Stirn. Sein Herz klopft laut und schnell, galoppiert dem Rhythmus hinterher. Mit seinen Augen sucht er im Halbdunkel immer wieder nach der Frau mit der Schwindel erregenden Figur. Haiko kann nicht begreifen, wie ihm geschieht. Er steht im Rampenlicht und sie lächelt ihm zu.

Als der Wecker ihn aus seinem Traum reißt, öffnet er nur zögernd und voller Bedauern die Augen. Noch immer ist er gefangen in dem unglaublichen Gefühl der Leichtigkeit und ungestümen Freude, die er verspürt hat. Kupferrote Haare. Doch als er in den Spiegel blickt, sieht er aus, wie immer. Die braunen Haare stehen wirr ab und Bartstoppeln zieren sein blasses Gesicht. Selbst der kleine Pickel an der Nase ist noch da. Zum ersten Mal findet er seinen Anblick langweilig. So würde ihn die propere Frau aus dem Traum bestimmt nicht beachten.

Kurze Zeit später stürmt er aus dem Haus und eilt mit weit ausholenden Schritten die Straße entlang. (…)

Fortsetzung folgt

 

Christa Lieb ©

15. Mai 2017
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»Lesefrüchtchen«

Ein anderes Leben  – Teil 1

Immer wenn sich seine Mutter abends vor dem Fernseher im Sessel zurücklehnt, wartet er geduldig bis ihr Kopf sachte nach hinten fällt, ihr verkniffener Mund sich entspannt und ihm ein leises Röcheln entweicht. Dann schleicht er in sein Zimmer, dreht bedächtig den Schlüssel um und holt aus dem hintersten Winkel der Kommode einen zerfledderten Playboy mit den nackten Träumen seiner Fantasie.

Er scheint nicht wahrzunehmen, dass seine besten Jahre ohne nennenswerte Ereignisse an ihm vorübergehen. Nur zwei Dinge sind ihm wichtig: Sobald die Tage wärmer werden, läuft er zweimal die Woche nach der Arbeit schnurstracks zum Biergarten am Fluss. Dort, unter dem Blätterdach einer alten Kastanie, mit Blick auf das träge dahin fließende Wasser, sitzt er immer genau eine Stunde, lauscht andächtig den umherschwirrenden Geräuschen und manchmal packt ihn dabei eine unerklärliche, fast schmerzhafte Sehnsucht nach einem anderen Leben. Dennoch weicht er nicht von den eingefahrenen Bahnen ab. Sobald die Kirchturmuhr unüberhörbar neunzehn Uhr schlägt, steht er auf und trottet durch die schmalen Gassen, über den kleinen Marktplatz, am Rathaus vorbei, zurück in sein enges Einerlei, in dem seine Mutter mit dem Abendbrot wartet.

Und jeden Mittwochabend übt er das Posaune spielen in St. Hildegard. Wenn er nach dem abgewetzten Lederkoffer mit dem Instrument greift, blüht er auf. Dann fällt die Langsamkeit von ihm ab, wirken seine Schritte nahezu federleicht. Er und seine Posaune werden gebraucht. Die Mitspieler bewundern seine Fingerfertigkeit und seinen langen Atem. Ehe er das Instrument aus dem Koffer nimmt, streicht er liebevoll über das kühle, glänzende Metall. Dann setzt er behutsam das Mundstück ein und schon während er es Richtung Mund führt, blähen sich seine Wangen erwartungsvoll auf. Geschickt bewegen seine Hände den Zug und satte, klare Töne erfüllen das Kirchenschiff. Haiko vergisst die Zeit und alles um sich herum.

Sobald der Dirigent den Stock aus der Hand legt, spürt er Enttäuschung – wie immer. Und wie immer schüttelt er beharrlich den Kopf, wenn Konrad – einer der es gut mit ihm meint – ihn nach der Übungsstunde zu einem kühlen Pils überreden will.

Diesmal lässt der sich nicht abwimmeln. Ihm platzt der Kragen und er sagt Dinge, die ihm schon lange auf der Zunge liegen: »Du bist total bescheuert. Sieh dich an. Sitzt mit Vierzig noch immer zu Hause in deinem Kinderzimmer, bei all den Plüschtieren und Blechautos deiner Kindheit. Lässt dich von deiner einsamen Mutter schikanieren. Tu etwas! Such dir eine Frau. Dann ist Schluss mit den freudlosen Abenden vor der Flimmerkiste. Schluss mit dem sonntäglichen, trockenen Schweinebraten. Reiß dich endlich zusammen!«

Haiko hört sich die ungewohnte Rede an, zuckt nur mit den Schultern, packt seinen Posaunenkoffer und verlässt St. Hildegard, ohne ein Wort zu verlieren.

»Mach doch was du willst«, ruft Konrad ihm resigniert hinterher. (…)

Fortsetzung folgt …
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