schreib(t)räume

Christa Lieb – Autorin

15. Juni 2017
von Christa Lieb
2 Kommentare

»Lesefrüchtchen« Juni

Ein anderes Leben – Teil 2 (Fortsetzung »Lesefrüchtchen« Mai)

(…)

Auf dem Nachhauseweg wälzt er die gehörten Worte immer wieder in seinem Kopf. Und als er den Schlüssel ins Schloss steckt, die Haustür öffnet und seiner Mutter in ihrem verschlissenen Morgenmantel gegenübersteht, kommt ihm zum ersten Mal der Gedanke, dass er wohl etwas ändern muss an seinem Leben.

In der Nacht findet er keine Ruhe. Wirre, aber aufregende Träume suchen ihn heim: Er sitzt mit seiner Posaune und ihm unbekannten Männern auf der Bühne eines Nachtclubs und entlockt ihr ungewohnte Töne. Eine Menschentraube steht dicht gedrängt am Bühnenrand und klatscht frenetisch Beifall; verlangt stürmisch nach Zugaben. Jazz! Er spielte Jazz. Seine Füße wippen aufgeregt im Takt und seine kupferroten Haare kleben an der schweißnassen Stirn. Sein Herz klopft laut und schnell, galoppiert dem Rhythmus hinterher. Mit seinen Augen sucht er im Halbdunkel immer wieder nach der Frau mit der Schwindel erregenden Figur. Haiko kann nicht begreifen, wie ihm geschieht. Er steht im Rampenlicht und sie lächelt ihm zu.

Als der Wecker ihn aus seinem Traum reißt, öffnet er nur zögernd und voller Bedauern die Augen. Noch immer ist er gefangen in dem unglaublichen Gefühl der Leichtigkeit und ungestümen Freude, die er verspürt hat. Kupferrote Haare. Doch als er in den Spiegel blickt, sieht er aus, wie immer. Die braunen Haare stehen wirr ab und Bartstoppeln zieren sein blasses Gesicht. Selbst der kleine Pickel an der Nase ist noch da. Zum ersten Mal findet er seinen Anblick langweilig. So würde ihn die propere Frau aus dem Traum bestimmt nicht beachten.

Kurze Zeit später stürmt er aus dem Haus und eilt mit weit ausholenden Schritten die Straße entlang. (…)

Fortsetzung folgt

 

Christa Lieb ©

15. Mai 2017
von Christa Lieb
Keine Kommentare

»Lesefrüchtchen«

Ein anderes Leben  – Teil 1

Immer wenn sich seine Mutter abends vor dem Fernseher im Sessel zurücklehnt, wartet er geduldig bis ihr Kopf sachte nach hinten fällt, ihr verkniffener Mund sich entspannt und ihm ein leises Röcheln entweicht. Dann schleicht er in sein Zimmer, dreht bedächtig den Schlüssel um und holt aus dem hintersten Winkel der Kommode einen zerfledderten Playboy mit den nackten Träumen seiner Fantasie.

Er scheint nicht wahrzunehmen, dass seine besten Jahre ohne nennenswerte Ereignisse an ihm vorübergehen. Nur zwei Dinge sind ihm wichtig: Sobald die Tage wärmer werden, läuft er zweimal die Woche nach der Arbeit schnurstracks zum Biergarten am Fluss. Dort, unter dem Blätterdach einer alten Kastanie, mit Blick auf das träge dahin fließende Wasser, sitzt er immer genau eine Stunde, lauscht andächtig den umherschwirrenden Geräuschen und manchmal packt ihn dabei eine unerklärliche, fast schmerzhafte Sehnsucht nach einem anderen Leben. Dennoch weicht er nicht von den eingefahrenen Bahnen ab. Sobald die Kirchturmuhr unüberhörbar neunzehn Uhr schlägt, steht er auf und trottet durch die schmalen Gassen, über den kleinen Marktplatz, am Rathaus vorbei, zurück in sein enges Einerlei, in dem seine Mutter mit dem Abendbrot wartet.

Und jeden Mittwochabend übt er das Posaune spielen in St. Hildegard. Wenn er nach dem abgewetzten Lederkoffer mit dem Instrument greift, blüht er auf. Dann fällt die Langsamkeit von ihm ab, wirken seine Schritte nahezu federleicht. Er und seine Posaune werden gebraucht. Die Mitspieler bewundern seine Fingerfertigkeit und seinen langen Atem. Ehe er das Instrument aus dem Koffer nimmt, streicht er liebevoll über das kühle, glänzende Metall. Dann setzt er behutsam das Mundstück ein und schon während er es Richtung Mund führt, blähen sich seine Wangen erwartungsvoll auf. Geschickt bewegen seine Hände den Zug und satte, klare Töne erfüllen das Kirchenschiff. Haiko vergisst die Zeit und alles um sich herum.

Sobald der Dirigent den Stock aus der Hand legt, spürt er Enttäuschung – wie immer. Und wie immer schüttelt er beharrlich den Kopf, wenn Konrad – einer der es gut mit ihm meint – ihn nach der Übungsstunde zu einem kühlen Pils überreden will.

Diesmal lässt der sich nicht abwimmeln. Ihm platzt der Kragen und er sagt Dinge, die ihm schon lange auf der Zunge liegen: »Du bist total bescheuert. Sieh dich an. Sitzt mit Vierzig noch immer zu Hause in deinem Kinderzimmer, bei all den Plüschtieren und Blechautos deiner Kindheit. Lässt dich von deiner einsamen Mutter schikanieren. Tu etwas! Such dir eine Frau. Dann ist Schluss mit den freudlosen Abenden vor der Flimmerkiste. Schluss mit dem sonntäglichen, trockenen Schweinebraten. Reiß dich endlich zusammen!«

Haiko hört sich die ungewohnte Rede an, zuckt nur mit den Schultern, packt seinen Posaunenkoffer und verlässt St. Hildegard, ohne ein Wort zu verlieren.

»Mach doch was du willst«, ruft Konrad ihm resigniert hinterher. (…)

Fortsetzung folgt …
Christa Lieb ©

15. März 2017
von Christa Lieb
Keine Kommentare

»Lesefrüchtchen«

Wetter-Lamento

Wetterpropheten 1 – 2 – 3
reden mal eben den Frühling herbei
Außergewöhnlich. Sensationell:
Der März ist da. Hurra!
Wann wird der Lenz uns grüßen?
Wann lässt er Blumen sprießen?
Winter ade …
Doch im wahren Leben
geht auch mal was daneben.
Wir haben uns zu früh gefreut
keine Warmfront weit und breit
Stattdessen:
Dichte Wolken – Sturm wird folgen
Es wird arg nässen –
Schirm nicht vergessen!

Christa Lieb ©

23. Februar 2017
von Christa Lieb
2 Kommentare

Ups … Ein Klick zur falschen Zeit

Ich hatte in den vergangenen zwei Wochen einen wirklich guten Lauf. Lücken, die mir sehr lange Bauchschmerzen bereitet, mich geradezu in eine Blockade getrieben hatten, konnte ich endlich füllen. Ich war zufrieden und zuversichtlich. Bis … Ja, bis ich gegen einen gefassten Vorsatz verstieß und mir »gute« Ratschläge einiger der zahlreichen Schreib-experten zu Gemüte führte. Dabei hatte ich mir fest vorgenommen, genau das vorläufig zu vermeiden. Aber warum denn?, fragen sich jetzt sicher einige, man bekommt kostenlose, gute Tipps, kann so Fehler vermeiden bzw. klar erkennen. Alles richtig. Aber man bekommt leider viel zu oft noch etwas gratis geliefert: Verunsicherung.

Es gibt tolle SchreibkollegenInnen, die relevante Themen einfühlsam ansprechen und dabei auch eigene Schwächen benennen. Man sitzt da, liest, nickt, realisiert, auch andere haben das eine oder andere Problem. Für deren Beiträge bin ich stets dankbar, sind sie doch ein Ansporn für mich, die Datei aufzurufen und weiter zu schreiben.

Aber es gibt auch Tipps von Experten, nach deren Lektüre ich am liebsten alles in den Papierkorb schmeißen möchte. Im Stile einer verbalen Schnellfeuerwaffe nehmen sie die Kreativität unter Beschuss … Und manchmal treffen sie diese lebensbedrohlich … Ich habe schon Beiträge gelesen, in denen kein einziger Mut machender Satz vorgekommen ist. Stattdessen wedelt mir ein imaginärer erhobener Zeigefinger vor der Nase herum. »Tu dies nicht … vermeide auf jeden Fall … und wenn du deinen Roman mit diesem Satz beginnst, hast du eh schon verloren …« Ich erspare mir das Aufzählen weiterer Punkte.

Tja, worin mag wohl der Sinn derart vorgetragener Ratschlägen liegen? Nach einer plausiblen Erklärung suche ich schon lange.

Fazit: Nachdem ich zum wiederholten Mal in eine dieser Lesefallen getappt war, kam’s, wie’s kommen musste: Alles, was mich zuvor begeistert hatte, fand ich jetzt wieder … Na ja, ihr wisst schon …

Jetzt heißt es gelassen bleiben und mit Zuversicht nach vorn zu schauen … und endlich den Finger von gewissen Links zu lassen …

 

Christa Lieb ©