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Christa Lieb – Autorin

27. April 2021
von Christa Lieb
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»Bitterblues« – Leseprobe

2

 

Der Krieg war vorbei. Die Fassade des altehrwürdigen Rathauses schmückte nun keine übergroßen Reichs- und Hakenkreuzfahnen mehr, sondern in Windeseile aufgehängte schäbige, weiße Bettlaken als Zeichen der Kapitulation. Die schnarrende Stimme aus dem Volksempfänger, die bis zuletzt im Namen des Führers von glorreichen Siegen an allen Fronten und bedrohlich anzuhörende Durchhalteparolen verkündet hatte, war verstummt. Auf Jubelarien folgte Katzenjammer.

Die Erschöpfung der Menschen, die Verletzungen an Körper, Geist und Seele, die die Geschehnisse der letzten Jahre verursacht hatten, waren unermesslich. Die Ernüchterung hing wie ein undurchdringlicher Nebel über der Stadt, kroch in alle Nischen und Ritze, hinterließ eine schmerzhafte Stille. Ungläubig schauten die Menschen auf die Trümmer ihres Lebens und ihrer Stadt. In der Innenstadt, wo nur noch brüchige Außenmauern und wackelige Schornsteine in den Himmel ragten, türmten sich Schutthaufen bis zu den ehemals zweiten Etagen. Vielen Bewohnern waren sie zum Grab geworden. Der Verwesungsgeruch verschwand nur zögernd. Um den Bahnhof herum und entlang der Bahnlinie, lagen ganze Häuserzeilen in Schutt und Asche; der Schienenstrang, ehemals Nabelschnur nach draußen, war schwer beschädigt. Sobald würde hier keine Lokomotive mehr ihre dichten Dampfwolken in den Himmel pusten und keine schrillen Pfiffe vor der Einfahrt in den nahen Tunnel abgeben.

Elsa war erleichtert darüber, dass ihr ein, wenn auch löchriges, Dach über dem Kopf geblieben war. Das Haus war schwer beschädigt, aber es stand noch. Wenn sie die knarrende Tür zum Trockenboden öffnete, konnte sie durch eine große Lücke im Dach in den wolkenverhangenen Himmel schauen. Auch ihre vier Wände hatten gelitten. Zahlreiche Risse erinnerten sie an die Einschusslöcher, die die Fassade zierten. Es kostete sie viel Mühe, den ganzen Staub und Dreck zu beseitigen, die Wohnung wieder so herzurichten, dass sie sich einigermaßen wohl darin fühlte. Die zerbrochene Fensterscheibe des Schlafzimmers ersetzte sie so gut es ging durch ein derbes Holzbrett, das sie auf einem Trümmerberg in der Nachbarschaft gefunden hatte. Jetzt, während der Sommermonate, erfüllte es seinen Zweck. Für den nahenden Herbst sollte ihr eine bessere Lösung einfallen, dachte sie betrübt.

Abends, wenn der spärliche Schein einiger Kerzenstummel das helle Licht der Glühbirnen ersetzte, weil es an Strom fehlte, erinnerte sie sich an gemütliche Abende im Kreis ihrer Familie. Meist verbat sie sich solche Gedanken; sie waren zu schmerzhaft. Sie war dankbar, dass sie noch lebte, aber Freude verspürte sie keine. Sie schlief schlecht, war immer hungrig und wurde tagein, tagaus von den quälenden Sorgen um ihren Mann gepeinigt. Seit über einem Jahr hatte sie nichts mehr von Jakob gehört. Ob er noch lebt? Diese Frage nahm ihr oftmals die Luft zum Atmen, wühlte sich durch ihre Eingeweide, wie früher Onkel Theodors großes Messer, wenn er gekonnt ein Schwein zerlegte, damit sie alle etwas zum Essen hatten. Wenn die Angst um Jakob übermächtig wurde, rollte sie sich in ihrem Bett zusammen, so wie sie es früher als kleines Mädchen getan hatte, und weinte sich in einen unruhigen Schlaf voller beängstigender Bilder.

Vorsorglich brachte sie an der sperrigen Haustür einen gut sichtbaren Zettel an: Bartels – Dachgeschoss. Ihr Mann sollte sofort erkennen, dass sie noch in ihrer alten Wohnung lebte. Doch was, wenn Jakob nicht wiederkäme?

***

Nach und nach kam wieder Bewegung in den Alltag. Wie überall in der Stadt, krempelten auch die Frauen des Viertels die Ärmel hoch und begannen mit dem Aufräumen. Sie streiften ihre Lethargie ab; ignorierten das bohrende Hungergefühl und beseitigten die Trümmer, die vorrangig ihre Väter, Brüder, Männer, Söhne zu verantworten hatten.

Elsa packte mit an. Auch, weil am Ende der täglichen Plagerei eine zwar dünne, aber warme Suppe und ein Ranken Brot auf sie wartete.

Die betagte ehemalige Krankenschwester Elsbeth Vosseler, die ihre Bleibe im Parterre hatte, sorgte dafür, dass die schwer arbeitenden Frauen des Viertels etwas in den Magen bekamen. Gott allein wusste, woher sie Kartoffeln, Karotten, Weißkohl zauberte. Hin und wieder schwammen in der Gemüsebrühe sogar Scheiben einer fetten Mettwurst. Schweigend saßen die Frauen nach getaner Arbeit beisammen und löffelten andächtig ihre Suppe, nachdem Frau Vosseler ihre wunden Finger verarztet hatte. Das Brot rührten viele nicht an. Es wanderte verstohlen in so manche Schürzentasche; zu Hause warteten hungrige Mägen darauf.

Elsa empfand es als kleines Wunder, dass trotz der schweren, ungewohnten Arbeit und der vielen Sorgen der Glanz in den Augen von Tag zu Tag mehr zum Vorschein kam und sogar manches scheue Lächeln über die verschwitzten, staubigen Gesichter huschte. Sie waren unverkennbar stolz auf das, was sie leisteten. Und sie spendeten sich Trost und Kraft bei den bangen Fragen nach dem Verbleib ihrer Liebsten.

Nur wenn der feiste Wachtmeister Schiller durch die Straße marschierte und so tat, als hätte es die Zeit nicht gegeben, in der er mit der Hakenkreuzbinde am Arm so manche Verhaftung überwacht hatte, senkte sich eisiges Schweigen über die Szenerie. Die Binde war verschwunden und er hatte die Uniform gewechselt, aber sie alle hatten noch den Anblick vergangener Tage im Kopf.

»Drecksack«, zischelte Elsbeth Vosseler und spukte voller Verachtung aus.

»Seien Sie bloß vorsichtig, Frau Vosseler. Sie werden noch gebraucht. Was würden wir denn ohne Sie machen?«

»Ach, Kindchen, was sollte mich nach all diesem Grauen noch ängstigen? Die Tage, an denen diese Ratten das Sagen hatten, sind gezählt. Und der da weiß das ganz genau.« Sie schaute ihm mit grimmigem Gesicht nach. »Komm, lasst uns weitermachen. Wir haben noch viel zu tun.«

So viele haben sich schuldig gemacht. Ob sie jemals zur Rechenschaft gezogen werden?, fragte sich Elsa und schaute dem immer noch wohlgenährten Mann hinterher.

Manchmal, nach einer schlaflosen, durchweinten Nacht, wäre sie am liebsten im Bett geblieben. Die ganze Plagerei ist doch so sinnlos. Wir werden niemals Ordnung in diese Stadt und unser Leben bringen, dachte sie niedergeschlagen. Dann dachte sie an die anderen Frauen, von denen viele zu Hause Alte, Kranke und Kinder versorgten und sich trotzdem jeden Tag durch die Trümmerberge kämpften und schämte sich für ihre Wehleidigkeit.

***

Für Elsa hatte die dunkle Zeit in dem Moment ein Ende, als sie die Tür öffnete und ihr Mann, abgemagert und ernst, vor ihr stand. Zuerst starrte sie ihn tonlos an, dann begann ihr ganzer Körper unter haltlosem Schluchzen zu beben.

Jakob nahm verlegen die schäbige, graue Feldmütze vom Kopf. »Elsa … hier bin ich wieder.« Mehr sagte er nicht.

Sie umarmte ihn, küsste seinen stummen Mund und zog ihn über die Schwelle. Sie rang die Erinnerungen an den lebensfrohen Mann nieder, der sie in einer anderen, besseren Zeit laut lachend durch die Wohnung gewirbelt hatte, ehe ihre kleine Welt untergegangen war und er fortmusste. Monat für Monat hatten sie gehofft, der Wahnsinn hätte ein Ende, ehe sie auch ihm und seinen Kommilitonen ein Gewehr in die Hand drücken würden. Ihr Hoffen war unerfüllt geblieben. Doch jetzt hatte der Herrgott ihre Gebete erhört. Er war zurückgekommen. Lebend. Sie war nicht mehr allein.

Als sie sich in der Nacht an seinen starren Körper schmiegte, dämmerte ihr, dass Jakob wohl außer zerlumpten Klamotten noch andere, unheilvolle Dinge mit nach Hause gebracht haben musste. (Ende Leseprobe)

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Christa Lieb ©

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9. April 2021
von Christa Lieb
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»Bitterblues« – Leseprobe

1

Sie durchquerte die Ebene und fuhr den Hügeln entgegen. Noch redete Ruth sich ein, sie mache einen kurzweiligen Ausflug aufs Land. Die Augen hinter den dunklen Gläsern einer großen Sonnenbrille verborgen, die Haare lässig mit einer Spange am Hinterkopf fixiert, klopfte sie mit den Fingern verhalten den Rhythmus der Musik mit. Auf den zurückliegenden fünfzig Kilometern hatte sie sich lautstark von ihr begleiten lassen. Doch jetzt, das Ziel in greifbarer Nähe, überbot das mulmige Gefühl die Leichtigkeit der Töne. Sie drückte den Aus-Knopf; Mick Jaggers It’s only Rock ‘n’ Roll … But I like it verstummte schlagartig.

***

Mit jedem weiteren Meter vorwärts, wuchs ihre Aufgeregtheit. Sie öffnete das Seiten-fenster, ließ frische Luft ins Wageninnere strömen und atmete sie gierig ein. Kühl und frisch. Nicht stickig, wie sie es in den letzten Wochen in der Stadt erlebt hatte.

Wenig später lenkte sie ihr Auto aufmerksam die schmale, kurvenreiche Straße den Berg hinauf. Nach der langen Geraden noch eine scharfe Rechtskurve, dann blieb der lichte Laubwald zurück und gab den Blick auf die Anhöhen ihrer Kindheit frei. In der Ferne duckten sich kleine Dörfer in grüne Täler; andere schmiegten sich an sanfte Hänge.

Sie drosselte das Tempo und hielt Ausschau nach einer Haltemöglichkeit. Kurz darauf verließ sie die schmale Straße und bog in einen holprigen Feldweg ein. Nach wenigen Metern hielt sie an und stieg aus. Jetzt lag das Ziel zu ihren Füßen. Überrascht sah sie hinab auf das Häusergewirr und die dunklen Asphaltbänder, die sich zwischen den Häuserfronten hindurchschlängelten. Ohne Frage, die Kleinstadt war gewachsen. Viele neue Häuser bedeckten jetzt ehemalige Orte ausgelassener Kinderspiele. Die Streuobstwiese mit den knorrigen Obstbäumen, an deren rauer Rinde sie sich beim Klettern die Haut aufgeschürft hatten, war grauen Betongebäuden ohne jeglichen Charme gewichen. Hier stopfte sich kein Kind mehr heimlich die Taschen mit saftigen Äpfeln und Birnen voll.

Was verband sie noch mit diesem Ort? Früher war ihr hier alles vertraut gewesen; doch das war lang her. Sie dachte an die verborgenen Ecken; ihre Treffpunkte nach der Schule. An ihre Aufgeregtheit beim ersten hastigen Zug an einem Joint, die ersten unbeholfenen Zärtlichkeiten, die ein merkwürdiges Ziehen in ihrem Unterleib ausgelöst hatten, das sie in der Nacht nicht schlafen ließ. Warum gingen ihr jetzt gerade diese Dinge durch den Kopf? Zum Glück war sie keine sechzehn mehr, sondern eine erwachsene Frau, die sich nicht mehr verstecken musste, wenn ihr der Sinn nach Zärtlichkeiten stand. Prompt beschlich sie die diffuse Ahnung, ihre Entscheidung, hierher zu kommen, sei nicht allzu klug gewesen. Vielleicht hätte sie das Haus einfach verkaufen sollen; ohne sich noch einmal mit den ganzen Erinnerungen zu konfrontieren. Schließlich gab es für solche Dinge Firmen mit passendem Gesamtpaket im Angebot: Entrümpeln, entsorgen, verkaufen. Was hatte sie also bewogen, sich wider besseres Wissen gegen diese bequeme Möglichkeit zu entscheiden? Die Frage war müßig. Jetzt war sie hier; es gab keine Ausflüchte mehr. Nur langsam sollte sie es angehen, nicht ungestüm, wie es oft ihre Art war.

Nachdenklich setzte sie sich auf die verwitterte Holzbank, die unter einem der stattlichen Walnussbäume stand. Diese Bank; so viele Erinnerungen. Sie strich mit den Fingern vorsichtig über die Unebenheiten der Sitzfläche und schloss die Augen. Sie spürte die wärmende Sonne auf ihrem Gesicht und zärtliche Lippen auf ihrem erwartungsvollen Mund. Bilder zogen an ihrem inneren Auge vorbei. Gesichter von lieben Menschen. Jolanta; ihre beste Freundin in jenen Tagen. Sie erinnerte sich an frisch gebackenen Apfelkuchen und den prickelnden Geschmack von Himbeerbrause auf der Zunge. Immer samstags hatten sie bei Jolantas Großmutter in deren behaglicher Stube gesessen, den Geruch von Bohnerwachs in der Nase, und diese Köstlichkeiten genossen. Oft waren nach getaner Arbeit Nachbarn vorbeigekommen und dann war Jolantas Großmutter in einen seltsamen Dialekt verfallen, den sie kaum verstanden. Beim Gedanken daran, kamen ihr die wehmütigen Gespräche der Alten in den Sinn. Wenn die von der Sehnsucht nach Heimat erzählten, und daran, wie zart dabei ihre Stimmen und wie sanft ihre Gesichter geworden waren. Sie erinnerte sich an den feuchten Schimmer in deren Augen, wenn sie allem Anschein nach den Schmerz, den die Erinnerungen verursachten, kaum ertrugen. Diesen Schmerz hatte sie nie gefühlt. Vielleicht suchte er nur Menschen heim, die gehen müssen, die keine Wahl haben. Sie war der Enge freiwillig entflohen.

Und jetzt war sie wieder hier. (Ende Leseprobe)

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11. März 2021
von Christa Lieb
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Auf ein Wort … Unwägbarkeiten

Vermutlich ist es nicht besonders angesagt, über Unwägbarkeiten oder gar Schwächen zu plaudern. Wenn ich mich umschaue, bzw. umhöre, erscheint immer alles perfekt, easy, glattgebügelt. Ich wag’s trotzdem. Und wenn ich dadurch ein wissendes, nachfühlendes Kopfnicken erzeuge, ist schon was gewonnen.

Seit mehr als 16 Jahren schreibe ich; ausdauernd und regelmäßig. Lyrik, Kurzgeschichten, Romane. Eine lange Zeitstrecke; gepflastert mit allerhand Erfahrungen der unterschiedlichsten Art. Würde ich sie in einem Diagramm darstellen, käme ein ziemlicher Wellensalat zustande. Und es käme heraus, dass nach jeder Veröffentlichung (»Gipfelglück«) immer tiefe Täler folgen, die selten einen Hoffnungsschimmer zu sehen bekommen.

Warum, so frage ich mich, ist das so und warum überrascht mich das noch immer? Warum erwischt es mich immer noch auf dem falschen Fuß, bringt mich ins Wanken, lässt mich alles in Frage stellen? Ich kann’s mir nicht erklären (sonst hätte ich schon längst Abhilfe geschaffen) und es macht mich zunehmend ungehalten. Manchmal weiß ich nicht wohin mit meinem Frust und kann nur mit Mühe verhindern, alles hinzuschmeißen; so richtig. Endgültig. Weg von Social Media, weg mit Homepage und Blog; einfach alle Spuren verwischen …

Das hieße in letzter Konsequenz, mir einzugestehen, dass ich vielleicht kostbare Zeit – Lebensjahre – vergeudet habe. Stunden, in denen ich wirklich alles dem Schreiben untergeordnet habe. Dieser bitteren Erkenntnis wollte ich seither keinen Raum geben. Noch nicht. Aber in den letzten Monaten ist viel passiert, was mich arg ins Grübeln gebracht hat. Und da rede ich nicht nur von dem obligatorischen tiefen Tal ohne Hoffnungsschimmer, das ich nun schon seit Ende Oktober durchschreite.

Dass ich heute diesen Blog-Beitrag schreibe, ist ja immerhin ein Lichtblick in dieser schreiblosen Tristesse und lässt mich hoffen. Was dieses kurze Aufatmen nicht beseitigen wird, sind die feinen Risse und Schrammen, die mir zugefügt wurden. Gedankenlos, unbewusst; wer weiß das schon. Wenn unbedachte Worte, Handlungen, Blicke auf Verletzlichkeit treffen, ist das nur schwer wieder geradezubiegen. Vielleicht sollten wir alle einfach behutsamer miteinander umgehen; mehr Achtung voreinander haben.

Nachdem ich nun zu »Papier« gebracht habe, was mich umtreibt, haben sich die unschönen Überlegungen natürlich nicht in Luft aufgelöst, sind die Fragen, die mich umtreiben noch lange nicht beantwortet und ich weiß noch immer nicht, ob ich diesen Schreib-Weg mit allen Konsequenzen weitergehen will.

Vielleicht bringen der aufkeimende Frühling, die Aussicht auf einen Impftermin und die Hoffnung auf normalere Zeiten mich wieder in die richtige Spur.

Christa Lieb ©

21. Januar 2021
von Christa Lieb
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Zwischenruf

»Schreibst du noch?« … »Schreibst du wieder?«

Vielen Leuten mangelt es an Wertschätzung. Wie selbstverständlich konsumieren, benutzen, übersehen/ignorieren sie Dinge (manche verachten sie auch), die andere unter großen Mühen, voller Hoffnung, unter Zeitdruck, mit Seelenschmerz, kaum auszuhaltenden Zweifeln und großen Opfern produziert haben; lassen sich in den seltensten Fällen zu einem Feedback hinreißen. Dabei sind wir doch auf genau das angewiesen. Und ich rede wohlgemerkt nicht von Lob, sondern von Interesse, Anteilnahme und – ja – auch von konstruktiver Kritik. Viele meiner KollegInnen können ein Lied davon singen. Ich finde das mittlerweile unerträglich.

Ich kann’s kaum ausdrücken, weil ich gerade sehr emotional bin, aber ich versuche es: Wenn man über Monate um Worte ringt, sich durch Sätze kämpft und dann aufwacht – erschöpft und leer – und realisiert, dass all die Mühen verpufft sind, wenn der Knoten im Hals so festgezurrt ist, dass einem das Schlucken schwerfällt, dann muss man sich doch fragen, ob das alles noch Sinn macht. Das ist man sich einfach schuldig.

Und nachdem ich es (endlich) losgeworden bin, kann ich auch die obigen Fragen beantworten: »Ja.«

Christa Lieb ©