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Christa Lieb – Autorin

9. Juli 2021
von Christa Lieb
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Ballast abwerfen

Um das Leben meistern zu können, setzen viele ihre ganze Hoffnung auf … Ratgeber. Vermutlich gibt es keinen Bereich, der nicht mehrfach akribisch durchleuchtet, mehrmals gewendet, von innen nach außen gestülpt, argwöhnisch beäugt, unnötig verkompliziert wurde. Ein lukratives Geschäft, aber sind diese »Lebenshilfen« auch sinnvoll? Wohl eher selten. Ich wage mal eine steile These: 90 % sind überflüssig wie peinliche Werbespots. Für mich jedenfalls. Es interessiert mich wenig bis gar nicht, ob links- oder rechtsdrehendes Wasser besser ist, ob es Sinn macht, sich bestimmte Kräuter oder Heilsteine unter das Kopfkissen zu legen, nach Mondphasen zu verhüten oder Rheuma mit einem Brennnesselbad zu heilen.

Und doch gehörte auch ich vor nicht allzu langer Zeit zu diesen Ratgeber-Junkies. Meine Droge waren Schreibratgeber. Man weiß ja nie, ob ihre Lektüre nicht vielleicht doch zu schnellerem Erfolg führt, war jedesmal mein Antrieb. Nach und nach haben sie immer mehr Raum in meinem Bücherregal eingenommen; mit mäßigem Ergebnis. Das hat mich schon vor einer Weile ins Grübeln gebracht.

Nun packt mich hin und wieder der unwiderstehliche Drang, mich von unnötigem Ballast zu befreien. Vieles was mir einmal wichtig war, ist diesem Drang schon zum Opfer gefallen. In dieser Woche war es gut die Hälfte meiner Schreibratgeber.  Ab zum Altpapier. Einfach so. All die schlauen Bücher, die mir vermitteln sollten, was ich tun muss, um eine richtige Autorin zu sein/werden.

Zum Beispiel »Schreiben im Café« … ein gern gelesener Bestseller in der Schreibszene. Eine faszinierende Idee und eine verlockende Vorstellung: Ich sitze in einem unserer Cafés am Marktplatz, vor mir mein Laptop und – nicht zu vergessen – eine Tasse Cappuccino; garniert mit inspirierender Musik aus dem Off. All das und die verstohlenen Blicke der anderen Gäste geben mir endlich das tolle Gefühl, eine richtige Schriftstellerin zu sein.

Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich diese Vorstellung als aberwitziger Gedanke (für mich). Ausgerechnet ich schreibend in einem Café. Dabei igele ich mich beim Schreiben ein, brauche die Stille, reagiere auf Störungen missmutig bis ungehalten. Was soll ich also mit einem derartigen Ratschlag anfangen?

Ich könnte jetzt der Reihe nach auflisten, warum genau ich welchen Ratgeber entsorgt habe. Die Zeit und den Aufwand spare ich mir. Ich habe Besseres zu tun (wie ein sehr gescheiter Mann vor Kurzem knapp und bündig feststellte). Eines will ich aber anmerken: Sie alle haben mich letztendlich blockiert, mich an mir zweifeln lassen, mich in die Irre geführt, mich mit nicht nachvollziehbaren Thesen genervt, waren in erster Linie Nahrung für meinen Untermieter, Mister Zweifel.

Jene, die diesmal der Tonne entkommen sind, werde ich mir nach und nach mal wieder ansehen; kritisch hinterfragen, worin ihr Nutzen für mich liegt und welche Empfindungen sie bei mir auslösen. Gut möglich, dass sie den anderen Exemplaren folgen werden.

Vielleicht schlagen jetzt einige konsterniert die Hände über dem Kopf zusammen oder schütteln selbigen heftig, halten mich für anmaßend. Nein, das bin ich ganz sicher nicht. Mir wurden meine Grenzen schon (viel zu) oft deutlich aufgezeigt. Ich nenne es gesunden Menschenverstand. Und für den brauche ich keine Ratgeber, die im Regal Staub ansetzen und mir nur selten weiterhelfen.

Christa Lieb ©

17. Juni 2021
von Christa Lieb
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Wiederbelebung oder Eintagsfliege?

Wiederbelebung oder Eintagsfliege?

250 Tage lang habe ich nicht geschrieben (wenn man mal von Alltäglichkeiten absieht).

250 Tage lang war ich nicht schriftstellerisch aktiv. Tage- und nächtelang habe ich über der Frage gegrübelt, ob es das jetzt war; ob jetzt Schluss ist mit der leidenschaftlichen Suche nach Wörtern, dem erfinden von Geschichten?

Ich weiß nicht was mich wieder an den Schreibtisch gelockt hat. War es das Motto »passion of my life« des Juni-Kalenderblatts? Möglicherweise. Ich spürte, da flackert eine kleine Flamme und wenn ich behutsam mit ihr umgehe, wird vielleicht ein kräftiges Feuer daraus.

Und plötzlich war die Idee, die mich schon im letzten Sommer beschäftigt hat, wieder präsent. Ich habe die alten Notizen gelesen, den noch vagen Plot, die Namen der Protagonisten und dachte bei mir: Das könnte was werden.

Selbstredend, dass dieser Gedanke sofort meinen unangenehmen Untermieter auf den Plan rief. Diesen übellaunigen, pessimistischen Kerl, der nie auch nur ein gutes Haar an meiner Arbeit lässt. Mister Zweifel. Der Name ist Programm.

Fast hätte er gewonnen. Fast. Aber mir ist einmal mehr bewusst geworden, wie sehr mir diese Stunden gefehlt haben. Wie sehr die Leere der letzten 250 Tage an meinem Selbstverständnis genagt hat.

Ich will nicht in Euphorie ausbrechen; vielleicht ist es ja morgen schon wieder vorbei mit dem Willen, es erneut zu versuchen. Wer weiß das schon …

Ein Anfang ist gemacht; ich bin verhalten zuversichtlich. Das muss vorerst reichen …

Chrilie ©

 

 

Christa Lieb ©

14. Mai 2021
von Christa Lieb
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»Bitterblues« – Leseprobe

12

Flora zelebrierte den Sommer ihres Lebens. Sie war verliebt. Unsterblich verliebt in Jean-Pierre. Wie ein Orkan war er in ihr unschuldiges Leben gestürmt und hatte sie mit sich gerissen wie einen wurzellosen Baum.

***

Beim ersten Mal war es Flora schwergefallen, ihre Mutter zu belügen. Sie hatte sich bei ihrem Redeschwall dermaßen verheddert, dass Elsa sich gezwungen sah, am nächsten Tag ins Atelier zu gehen, um sich selbst davon zu überzeugen, dass von dem jungen Franzosen keine Gefahr mehr drohte.

Nachdem Frau von Arenstorff Elsa versicherte, Jean-Pierre habe die Stadt verlassen, fragte die ihre Tochter nicht mehr bei jeder Verspätung, wo sie denn gewesen sei.

Flora nutzte jede freie Stunde, um sich mit Jean-Pierre zu treffen. Sie war der tiefen Überzeugung, den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Wenn er ihr von der Provence vorschwärmte, den endlosen Lavendelfeldern, deren Duft die Luft schwängert, den alten Gemäuern auf steilen Bergrücken, in denen es sich als Künstler vortrefflich leben lasse, hing sie an seinen Lippen und träumte sich genau in diese Welt.

Und sie konnte nicht genug kriegen von seinen Küssen, die von Mal zu Mal stürmischer, ja fordernder wurden. Doch für mehr war sie noch nicht bereit.

An einem sonnigen Nachmittag wäre ihr süßes Geheimnis beinahe geplatzt. (Ende Leseprobe)

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Christa Lieb ©

Printbuch erhältlich u. A. bei bod.de und als eBook bei xinxii.com und vielen anderen Onlineshops

 

27. April 2021
von Christa Lieb
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»Bitterblues« – Leseprobe

2

Der Krieg war vorbei. Die Fassade des altehrwürdigen Rathauses schmückte nun keine übergroßen Reichs- und Hakenkreuzfahnen mehr, sondern in Windeseile aufgehängte schäbige, weiße Bettlaken als Zeichen der Kapitulation. Die schnarrende Stimme aus dem Volksempfänger, die bis zuletzt im Namen des Führers von glorreichen Siegen an allen Fronten und bedrohlich anzuhörende Durchhalteparolen verkündet hatte, war verstummt. Auf Jubelarien folgte Katzenjammer.

Die Erschöpfung der Menschen, die Verletzungen an Körper, Geist und Seele, die die Geschehnisse der letzten Jahre verursacht hatten, waren unermesslich. Die Ernüchterung hing wie ein undurchdringlicher Nebel über der Stadt, kroch in alle Nischen und Ritze, hinterließ eine schmerzhafte Stille. Ungläubig schauten die Menschen auf die Trümmer ihres Lebens und ihrer Stadt. In der Innenstadt, wo nur noch brüchige Außenmauern und wackelige Schornsteine in den Himmel ragten, türmten sich Schutthaufen bis zu den ehemals zweiten Etagen. Vielen Bewohnern waren sie zum Grab geworden. Der Verwesungsgeruch verschwand nur zögernd. Um den Bahnhof herum und entlang der Bahnlinie, lagen ganze Häuserzeilen in Schutt und Asche; der Schienenstrang, ehemals Nabelschnur nach draußen, war schwer beschädigt. Sobald würde hier keine Lokomotive mehr ihre dichten Dampfwolken in den Himmel pusten und keine schrillen Pfiffe vor der Einfahrt in den nahen Tunnel abgeben.

Elsa war erleichtert darüber, dass ihr ein, wenn auch löchriges, Dach über dem Kopf geblieben war. Das Haus war schwer beschädigt, aber es stand noch. Wenn sie die knarrende Tür zum Trockenboden öffnete, konnte sie durch eine große Lücke im Dach in den wolkenverhangenen Himmel schauen. Auch ihre vier Wände hatten gelitten. Zahlreiche Risse erinnerten sie an die Einschusslöcher, die die Fassade zierten. Es kostete sie viel Mühe, den ganzen Staub und Dreck zu beseitigen, die Wohnung wieder so herzurichten, dass sie sich einigermaßen wohl darin fühlte. Die zerbrochene Fensterscheibe des Schlafzimmers ersetzte sie so gut es ging durch ein derbes Holzbrett, das sie auf einem Trümmerberg in der Nachbarschaft gefunden hatte. Jetzt, während der Sommermonate, erfüllte es seinen Zweck. Für den nahenden Herbst sollte ihr eine bessere Lösung einfallen, dachte sie betrübt.

Abends, wenn der spärliche Schein einiger Kerzenstummel das helle Licht der Glühbirnen ersetzte, weil es an Strom fehlte, erinnerte sie sich an gemütliche Abende im Kreis ihrer Familie. Meist verbat sie sich solche Gedanken; sie waren zu schmerzhaft. Sie war dankbar, dass sie noch lebte, aber Freude verspürte sie keine. Sie schlief schlecht, war immer hungrig und wurde tagein, tagaus von den quälenden Sorgen um ihren Mann gepeinigt. Seit über einem Jahr hatte sie nichts mehr von Jakob gehört. Ob er noch lebt? Diese Frage nahm ihr oftmals die Luft zum Atmen, wühlte sich durch ihre Eingeweide, wie früher Onkel Theodors großes Messer, wenn er gekonnt ein Schwein zerlegte, damit sie alle etwas zum Essen hatten. Wenn die Angst um Jakob übermächtig wurde, rollte sie sich in ihrem Bett zusammen, so wie sie es früher als kleines Mädchen getan hatte, und weinte sich in einen unruhigen Schlaf voller beängstigender Bilder.

Vorsorglich brachte sie an der sperrigen Haustür einen gut sichtbaren Zettel an: Bartels – Dachgeschoss. Ihr Mann sollte sofort erkennen, dass sie noch in ihrer alten Wohnung lebte. Doch was, wenn Jakob nicht wiederkäme? (Ende Leseprobe)

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Christa Lieb ©

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9. April 2021
von Christa Lieb
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»Bitterblues« – Leseprobe

1

Sie durchquerte die Ebene und fuhr den Hügeln entgegen. Noch redete Ruth sich ein, sie mache einen kurzweiligen Ausflug aufs Land. Die Augen hinter den dunklen Gläsern einer großen Sonnenbrille verborgen, die Haare lässig mit einer Spange am Hinterkopf fixiert, klopfte sie mit den Fingern verhalten den Rhythmus der Musik mit. Auf den zurückliegenden fünfzig Kilometern hatte sie sich lautstark von ihr begleiten lassen. Doch jetzt, das Ziel in greifbarer Nähe, überbot das mulmige Gefühl die Leichtigkeit der Töne. Sie drückte den Aus-Knopf; Mick Jaggers It’s only Rock ‘n’ Roll … But I like it verstummte schlagartig.

***

Mit jedem weiteren Meter vorwärts, wuchs ihre Aufgeregtheit. Sie öffnete das Seiten-fenster, ließ frische Luft ins Wageninnere strömen und atmete sie gierig ein. Kühl und frisch. Nicht stickig, wie sie es in den letzten Wochen in der Stadt erlebt hatte.

Wenig später lenkte sie ihr Auto aufmerksam die schmale, kurvenreiche Straße den Berg hinauf. Nach der langen Geraden noch eine scharfe Rechtskurve, dann blieb der lichte Laubwald zurück und gab den Blick auf die Anhöhen ihrer Kindheit frei. In der Ferne duckten sich kleine Dörfer in grüne Täler; andere schmiegten sich an sanfte Hänge.

Sie drosselte das Tempo und hielt Ausschau nach einer Haltemöglichkeit. Kurz darauf verließ sie die schmale Straße und bog in einen holprigen Feldweg ein. Nach wenigen Metern hielt sie an und stieg aus. Jetzt lag das Ziel zu ihren Füßen. Überrascht sah sie hinab auf das Häusergewirr und die dunklen Asphaltbänder, die sich zwischen den Häuserfronten hindurchschlängelten. Ohne Frage, die Kleinstadt war gewachsen. Viele neue Häuser bedeckten jetzt ehemalige Orte ausgelassener Kinderspiele. Die Streuobstwiese mit den knorrigen Obstbäumen, an deren rauer Rinde sie sich beim Klettern die Haut aufgeschürft hatten, war grauen Betongebäuden ohne jeglichen Charme gewichen. Hier stopfte sich kein Kind mehr heimlich die Taschen mit saftigen Äpfeln und Birnen voll.

Was verband sie noch mit diesem Ort? Früher war ihr hier alles vertraut gewesen; doch das war lang her. Sie dachte an die verborgenen Ecken; ihre Treffpunkte nach der Schule. An ihre Aufgeregtheit beim ersten hastigen Zug an einem Joint, die ersten unbeholfenen Zärtlichkeiten, die ein merkwürdiges Ziehen in ihrem Unterleib ausgelöst hatten, das sie in der Nacht nicht schlafen ließ. Warum gingen ihr jetzt gerade diese Dinge durch den Kopf? Zum Glück war sie keine sechzehn mehr, sondern eine erwachsene Frau, die sich nicht mehr verstecken musste, wenn ihr der Sinn nach Zärtlichkeiten stand. Prompt beschlich sie die diffuse Ahnung, ihre Entscheidung, hierher zu kommen, sei nicht allzu klug gewesen. Vielleicht hätte sie das Haus einfach verkaufen sollen; ohne sich noch einmal mit den ganzen Erinnerungen zu konfrontieren. Schließlich gab es für solche Dinge Firmen mit passendem Gesamtpaket im Angebot: Entrümpeln, entsorgen, verkaufen. Was hatte sie also bewogen, sich wider besseres Wissen gegen diese bequeme Möglichkeit zu entscheiden? Die Frage war müßig. Jetzt war sie hier; es gab keine Ausflüchte mehr. Nur langsam sollte sie es angehen, nicht ungestüm, wie es oft ihre Art war.

Nachdenklich setzte sie sich auf die verwitterte Holzbank, die unter einem der stattlichen Walnussbäume stand. Diese Bank; so viele Erinnerungen. Sie strich mit den Fingern vorsichtig über die Unebenheiten der Sitzfläche und schloss die Augen. Sie spürte die wärmende Sonne auf ihrem Gesicht und zärtliche Lippen auf ihrem erwartungsvollen Mund. Bilder zogen an ihrem inneren Auge vorbei. Gesichter von lieben Menschen. Jolanta; ihre beste Freundin in jenen Tagen. Sie erinnerte sich an frisch gebackenen Apfelkuchen und den prickelnden Geschmack von Himbeerbrause auf der Zunge. Immer samstags hatten sie bei Jolantas Großmutter in deren behaglicher Stube gesessen, den Geruch von Bohnerwachs in der Nase, und diese Köstlichkeiten genossen. Oft waren nach getaner Arbeit Nachbarn vorbeigekommen und dann war Jolantas Großmutter in einen seltsamen Dialekt verfallen, den sie kaum verstanden. Beim Gedanken daran, kamen ihr die wehmütigen Gespräche der Alten in den Sinn. Wenn die von der Sehnsucht nach Heimat erzählten, und daran, wie zart dabei ihre Stimmen und wie sanft ihre Gesichter geworden waren. Sie erinnerte sich an den feuchten Schimmer in deren Augen, wenn sie allem Anschein nach den Schmerz, den die Erinnerungen verursachten, kaum ertrugen. Diesen Schmerz hatte sie nie gefühlt. Vielleicht suchte er nur Menschen heim, die gehen müssen, die keine Wahl haben. Sie war der Enge freiwillig entflohen.

Und jetzt war sie wieder hier. (Ende Leseprobe)

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