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Christa Lieb – Autorin

6. Dezember 2012
von Christa Lieb
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Einblicke 5

foto: chrilie

Mittlerweile steht der Zähler bei 200 Buchseiten. Wow. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich nicht gewagt, davon zu träumen. Doch vor zwei Wochen, nach einem Wochenende mit viel freier Zeit und unerwarteter Ruhe, war es so weit. Diese seltenen Bedingungen haben dafür gesorgt, dass sich einige Nebel, die über dem Fortgang mancher Erzählstränge lagen, lichteten.

Im Handlungsablauf hat sich jede Menge ereignet. Fast hatte ich das Gefühl, die Geschichte verselbstständigt sich und meine Figuren wollen mir zeigen, wo’s lang geht. Mein Protagonist ist nach langem Zögern – mal wieder – dazu übergegangen, seinen Verstand auszuschalten und ausschließlich auf sein Bauchgefühl zu hören (Einige kennen das schon aus dem Roman „Schmaler Grat“). Und prompt kam es, wie es kommen musste: Durch sein unüberlegtes Handeln, wirbelt er alles gehörig durcheinander, stellt Freundschaften vor eine Zerreißprobe, bringt Ermittlungen und andere Personen in Gefahr … ohne dass sich der gewünschte Erfolg einstellt, wie es scheint.

Auch mein Antagonist verhält sich nicht so, wie sich der Böse einer Geschichte verhalten sollte. Auch er kommt mit, für seine Person, überraschendem Verhalten daher.

Erstaunt habe ich auf diese Entwicklungen geschaut und mich dann zufrieden zurück gelehnt. Es hat sich bewahrheitet, dass es nicht nur schwarz oder weiß gibt, sondern viele verschiedene Grautöne. Sie machen letztendlich einen Roman aus, sind wie das Salz in der Suppe. Diese Grautöne gestalten die Geschichte vielfältig, spannend und auch unvorhersehbar. Sie geben den Figuren Ecken und Kanten, machen sie menschlich. Bringen uns, die Leser, dazu, mit ihnen zu bangen, zu hoffen, Mitgefühl zu haben. Sie sorgen dafür, dass wir nach dem Schlusspunkt ein gutes Gefühl haben.

Inzwischen habe ich mich mit den Entwicklungen arrangiert. Meine Produktivität lässt allerdings zu wünschen übrig. Das liegt zum großen Teil an den äußeren Umständen. Das Jahr neigt sich dem Ende zu und wie immer erzeugt die Vorweihnachtszeit eine gewisse Atemlosigkeit. Trotz guter Vorsätze, gelingt es mir auch in diesem Jahr nicht, dem zu entkommen. Schade.

chrilie

 

15. November 2012
von Christa Lieb
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Lesefrüchtchen

Foto chrilie

Endspurt

Schon als er die Augen öffnete, verspürte er neben dem Drang zur Bewegung eine eigenartige Melancholie. Unwillkürlich glitt seine Hand zur Seite und tastete ins Nichts. Wehmütig erinnerte er sich an das leise Geklapper und den Kaffeeduft aus der Küche, von dem er früher immer geweckt wurde. Doch das war lange her. Kein Laut war zu hören. Bereits vor Jahren vertrieb er die Frau, die ihn für kurze Zeit liebte, mit seinen festgefahrenen Vorstellungen, von denen er keinen Millimeter abzurücken bereit war.

Nachdem sie resigniert ihre Koffer gepackt und ihn allein zurück gelassen hatte, redete er sich in langen Selbstgesprächen seine Einsamkeit schön und handelte anschließend nach der Devise: Weiter so! Schließlich begann er zu laufen; konnte irgendwann nicht mehr davon lassen. Von nun an floh er jeden Morgen aus der leeren Wohnung, versuchte durch den körperlichen Kraftakt seine Gedanken in die richtigen Bahnen zu lenken. Offensichtlich waren die ihm heute auf eine falsche Schiene geraten, was ihm überhaupt nicht behagte. Er versuchte das aufkeimende diffuse Gefühl von Sehnsucht zu unterdrücken, doch es ließ sich nicht vertreiben. Mit einer heftigen Bewegung beförderte er die Decke zur Seite, in die leere Hälfte des Doppelbettes, und setzte sich auf die Bettkante. Er dehnte und reckte sich ausgiebig, brachte seine Gliedmaßen in Schwung. Danach ein Schwall kaltes Wasser ins müde Gesicht, der tägliche Griff zu Laufhose und Shirt und nichts wie los; die frühe Morgenstunde nutzen, die ungestörtes Laufen garantierte.

In seinem Kopf sammelten sich inzwischen wieder all die Dinge, die heute noch auf dem Programm standen und unbedingt erledigt werden mussten. Präzise planen war für ihn ein Muss. Er verabscheute Überraschungen, hatte gerne alles im Griff. Keinen Moment kam ihm der Gedanke, dass das Schicksal andere Pläne mit ihm haben könnte.

Als er vor die Tür trat, lag noch morgendliche Ruhe über dem Ort. Hinter der östlichen Hügelkette stieg langsam die Sonne empor und verdrängte das eintönige Morgengrau. Während er sich nach allen Seiten umblickte, trippelte er bereits ungeduldig auf der Stelle. Mit einem gezielten Druck aktivierte er die Pulsuhr und lief los. Seine kurzen Tritte hallten durch die enge Gasse. Bald hatte er die Wohngegend hinter sich gelassen und seine Füße federten auf weichem Waldboden. Laub raschelte und dünne Zweige knackten, wenn er sie mit seinem vollen Gewicht traf. Gezielt lenkte er seine Schritte hinunter auf den schmalen Pfad, der am See entlang führte. Der inzwischen blaue Himmel spiegelte sich in der glatten Wasseroberfläche. Nur wenn Enten laut schnatternd landeten, bekam dieses Bild Falten.

Noch immer war es ruhig. Lediglich monotones Rauschen war von weit entfernt zu hören und mischte sich mit vielfältigem Vogelgezwitscher. Unzählige Gummireifen verursachten dieses Summen auf dem grauen Asphaltband, das jenseits des Sees die Landschaft durchschnitt. Hoch am Himmel platzierten Flugzeuge ihre weißen Duftmarken.

Mittlerweile atmete er schwer: ein – aus – ein – aus. Sein Puls raste. Die salzigen Schweißperlen, die herabflossen und das Shirt durchnässten, nahm er kaum wahr. Immer vorwärts. Eins, zwei, links, rechts. Ein mechanischer Ablauf. Eine Handlung, die keine langwierige Planung brauchte. Es funktionierte reibungslos, ging seinen Weg – wie ein Uhrwerk.

Trotz der Anstrengung spürte er unversehens eine merkwürdige Leichtigkeit. Mit jedem Schritt konnte er klarer denken, hob sich der graue Vorhang und gab den Blick auf die Wirklichkeit frei. Immer deutlicher trat ihm vor Augen, dass er schon viel zu lange in einem zähen Brei aus Verpflichtungen, falschen Vorstellungen und aussichtslosen Erwartungen feststeckte. Während er Schritt für Schritt vorwärts rannte, wurde ihm schmerzlich bewusst, dass er in Wirklichkeit auf der Stelle trat. Eine bittere Erkenntnis, die ihn veranlasste, noch einen Zahn zuzulegen.

Plötzlich befürchtete er, ihm könnte nicht mehr genug Zeit bleiben, um an seinem eintönigen Alltag etwas zu ändern. Er sollte sich sputen, um den Zug nach Leichter-Leben doch noch zu erwischen. Er wollte endlich dabei sein, wenn ein neues Fass aufgemacht wurde, die Leute sich zuprosteten, das Dasein hochleben ließen. Wollte dabei sein, wenn eine flotte Sohle aufs Lebensparkett gelegt wurde.

Sein Atem kam pfeifend über die Lippen, sein Herz klopfte stürmisch hinter dem Rippenbogen, so, als wolle es nicht mehr länger eingezwängt in seiner engen Kammer verweilen. Auch das Herz wollte endlich wieder Schönes fühlen, sich von Schmetterlingen küssen lassen. Viel zu lang hatte es kein Gefühl mehr gestreichelt. Unvermittelt kam es ins Stolpern, verlor das Gleichgewicht; hatte sich wohl zu viel zugemutet. Mit einem Mal war der Höhenflug jäh vorbei. Mit verzerrtem Gesicht griff er sich an die Brust, der Schmerz nahm ihm die Luft. Gepeinigt ging er in die Knie. Sein Arm berührte kühles Nass. Das Wasserbild bekam Falten.

Chrilie ©

 

12. November 2012
von Christa Lieb
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Zitat der Woche

Foto chrilie

“Das Paradies pflegt sich erst dann
als Paradies zu erkennen zu geben,
wenn man aus ihm vertrieben wird.”

Hermann Hesse

 

 

 

25. Oktober 2012
von Christa Lieb
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Einblicke 4

 

Foto: chrilie

Nachdem ich schon über die erste Idee für eine Geschichte, über die Recherche der Handlungsorte und über Namensfindungen erzählt habe, will ich heute ein wenig über die „Gestaltung“ der Romanfiguren plaudern.

Damit die Protagonisten Gestalt annehmen, einen Charakter entwickeln, sollte darauf geachtet werden, dass sie nicht nur gut oder nur böse sind. Das gibt es auch im wahren Leben nicht,  wirkt daher unglaubwürdig und ist für die Leser/innen schnell langweilig. Ein „Held“ mit Schwächen ist menschlich, mit ihm kann man sich identifizieren und mitfiebern. Weiterlesen →